Für manche ist er der Urvater aller Flashmobs. In Berlin stand uns Gotthilf Fischer Rede und Antwort zum Thema Senioren & Technik
"Wir Älteren wollen mit dabei sein und die Dinge miterleben"
Herr Fischer, wie verlief Ihre erste Begegnung mit einem Handy?
Gotthilf Fischer: Es kam plötzlich ein Portier und reichte mir ein metallenes Teil: „Herr Fischer, ein Gespräch für Sie." Ich habe damals gedacht, der will mich veräppeln, was soll der Quatsch? Wie soll man damit telefonieren? Als ich's ans Ohr hielt, war nur Rauschen zu hören. Später kam der Portier wieder. Hat mir das Gerät erneut gegeben - und dieses Mal hab ich ein Hallo gehört.
Und heute?
Gotthilf Fischer: Ich habe lange nicht geglaubt, dass sich Handys durchsetzen werden. Aber heute sind sie natürlich unverzichtbar. Ohne Handy könnte ich die Termine mit meinen Chören gar nicht mehr koordinieren.
Welche Funktionen Ihres Handys nutzen Sie? Nutzen Sie alles, was moderne Hightech-Geräte so können?
Gotthilf Fischer: Eigentlich benutze ich es nur zum Telefonieren, aber das ohne Ende. All die anderen Sachen sind eher Sache der Jugend, sind Spielereien. Das ist wie früher. Da hat man tagelang an der neuen Märklin-Eisenbahn herumgefummelt. Heute beschäftigen sich die Jugendlichen eben tagelang mit dem Handy.
Wie ist Ihr Verhältnis zu technischen Neuerungen - sind Sie aufgeschlossen oder eher skeptisch?
Gotthilf Fischer: Ich bin dankbar! Aber oft hab ich selber zuerst etwas abgelehnt und dann nachher bereut, dass ich nicht direkt darauf eingestiegen bin. Ich hab mich oft nur mit Musik beschäftigt und gar nicht mitgekriegt, was drum herum passiert. Aber auch, wo ich von Anfang an interessiert war, hatte ich manchmal nicht die Zeit, mich mehr darum zu kümmern. Es fehlt einem das Vorwissen. Also staunt man nur, aber begreift nicht wirklich, wie die neue Technik funktioniert.
Was war für Sie die wichtigste technische Neuerung der vergangenen 60 Jahre?
Gotthilf Fischer: Ganz klar, das Faxgerät! Ich habe so viele Briefe mit der Post geschickt, die nie angekommen sind. Das Faxgerät hat mich auf Anhieb überzeugt: Es ist klar, wofür es gut ist, und die Verwendung ist so simpel, dass jeder es benutzen kann.
Gerade im Bereich der elektronischen Geräte gibt es oft viel technischen Schnickschnack. Entspricht das auch den Bedürfnissen älterer Menschen?
Gotthilf Fischer: Die Geräte müssen leicht bedienbar sein. Auch, wie man die Dinge erklärt, macht viel aus. Englische Fremdwörter zum Beispiel, die stoßen viele ältere Leute ab. Es ist wichtig bei einem Handy und bei der Bedienungsanleitung, dass niemand Angst haben muss, es nicht zu begreifen.
Insgesamt gibt es die Gefahr, dass sich die Technik schneller entwickelt, als die Menschen sie erfassen können. Man muss die Leute mitnehmen, gerade auch die Senioren. Die sind alles andere als dumm - sie sind nur mit diesen Dingen nicht aufgewachsen!
Auf der IFA haben Sie - zusammen mit emporia Telecom - etwas gemacht, was man normalerweise eher aus der Jugendkultur kennt: einen sogenannten Flashmob. Wie kam es dazu?
Gotthilf Fischer: Als die Idee an mich herangetragen wurde, hab ich sie erst gar nicht recht verstanden. „Flashmob", das Wort hatte ich nie gehört, was soll das sein? Aber es hat mich interessiert. Also hab ich einen Chor gefragt, der aus vielen älteren Menschen besteht. Und ich war wirklich erstaunt, wie die Senioren dann einen Riesenspaß daran hatten. Wenn ältere Menschen sich etwas Neues aneignen, sind sie enthusiastisch wie niemand sonst. Denn auch wir Älteren wollen mit dabei sein und die Dinge miterleben!
Die Aktion lief so ab, dass - scheinbar plötzlich und unvorbereitet - ein Handy klingelte und einzelne Sänger, hier und dort, die Melodie mitzusingen begannen. Dann sind immer mehr Sänger in die Wilhelm-Tell-Melodie eingestiegen, haben sich zu einem Chor gruppiert und ich habe sie dirigiert. Die Leute auf der Messe sind neugierig stehen geblieben und manche auch verunsichert, die haben den Fischer gesehen und gedacht, jetzt kommt die große Aktion. Nach dem Gesang haben sich die Sänger dann wieder genauso spontan in der Menge verteilt, wie sie vorher daraus aufgetaucht waren. Wir wollten durch diesen Auftritt innerhalb der Technik-Messe auf die Senioren und ihre Bedürfnisse aufmerksam machen. Und ich denke, das ist uns gelungen.
Einige Internetnutzer sehen in Ihnen sogar den Urvater aller Flashmobber. Was halten Sie von dieser Meinung?
Gotthilf Fischer: Wir beginnen mit unseren Chören spontan zu singen. Die Menschen hören die Musik und laufen hin. Wenn junge Leute darin ein Vorbild für ihre Flashmobs sehen - gerne.
Und was sind Ihre nächsten Pläne?
Gotthilf Fischer: Jede Menge Konzerte. Und ein Weltrekord. Wir werden in der Dortmunder Westfalenhalle nächsten Februar mit 6.500 Sängern und Musikern „Amazing Grace" spielen. Mit so vielen Musikern - das hat bisher noch keiner geschafft.
Herr Fischer, vielen Dank für das Gespräch!